Das Weben in der Oberstufe

Das Weben, eines der ältesten Kulturtechniken, durchzieht und durchwebt unsere gesamte Menschheitsgeschichte. Die Fähigkeit, mathematisch und abstrakt denken zu können, so sagt man, hat seinen Ursprung in der Weberei.

“Für die Badehandtücher, die wir auf dem Raphael-Markt verkaufen werden, muss eine Waffelbindung gewebt werden. Trete 1 2 3 4 5 4 3 2 und schieße auf Tritt 1 und 5 mit der blauen Farbe und auf Tritt 2 3 4 und 4 3 2 mit Rot. Schau, dass du alles recht fest anschlägst.”

So oder ähnlich lauten Arbeitsanweisungen für geübte Webschüler der 11. und 12. Klasse.  Solch eine Aufgabe lässt den ein oder anderen schon mal beim Lesen erschrecken. Aber was ist es, was die Schüler dennoch beim Weben begeistert? Warum arbeiten sie gebannt und fasziniert an ihren Webstühlen?

Das konzentrierte Zählen ist es nicht allein, was die Schüler motiviert. Es ist der gesamte Webprozess, in dem sie als Ganzes involviert sind: Die Schüler sitzen an ihren großen Webstühlen wie in ihrem eigenen Haus. Hände, Füße, Kopf und Herz arbeiten gemeinsam in einem rhythmischen Bewegungsfluss. Die leeren Kettfäden liegen gespannt vor ihnen. Es ist etwas Zukünftiges was sie erwartet. Das Vergangene, d.h. das entstandene Gewebe wird unter ihnen im Webstuhl aufgewickelt. Die Schüler treten mit ihren Füßen die Pedale im Wechsel links und rechts, immerfort in einer bestimmten Abfolge (1 2 1 2 1 2 1 2 … oder 1 2 3 2 1 2 3 2….).
Mit ihren Händen schießen sie währenddessen das Webschiffchen mit dem entsprechenden farblichen Garn von links nach rechts und von rechts nach links durch das offene Fach. Man kann diese Bewegung fast als eine liegende Acht beschreiben ∞.

In dieser träumerisch anmutenden Geste wird mit dem Anschlagen des Fadens an das Gewebe ein kräftiger Impuls gesetzt. Dieser Anschlag ist die Gegenwart – rüttelt wach. Das zu sich hinziehen der schweren Lade zentriert die Schüler. Gleich darauf tritt der Fuß ein neues Pedal und erdet sie nach unten. Die Lade schwingt nun wieder auf, öffnet sich der Zukunft.

Das Schiffchen schießt in der Horizontalen durch das Webfach mit Farben, die das Herz ansprechen. Das Auge der Schüler verfolgt die Arbeit und sieht, wie Fadenreihe für Fadenreihe eine Musterung entsteht. Die unmittelbare Bestätigung und damit verbundene Belohnung stärkt das Selbstwertgefühl der Schüler.

Es ist die rhythmischen Bewegung, die alles vereint, die Raumesrichtungen (oben- unten,  vor- zurück, rechts- links), mit dem gesamten Körpereinsatz, dem Denken und Empfinden.

Dieses ganzheitliche Tun ist heilsam und jeder der die Weberei betritt spürt die Faszination die von den Webstühlen, den Farben der Garne und natürlich von den Schülern selbst ausgeht.

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